Eine kleine Chronik

Eine grüne Erfolgsgeschichte beginnt im Grünen
Unkonventionell, innovativ und richtungsweisend: 25 Jahre Grüne in Halle

 


>>> Hier gibts einen Rückblick auf die Jubiläumsfeier.

 

 

Halle. Die Zeit der ruhigen Sitzungen im Haller Stadtrat war gezählt, als sich am 7. Juli 1981 die GRÜNEN im Grünen gründeten. Bei den Gründungsmitgliedern hatte sich einiges an Protest angestaut zu Zeiten, als das Wettrüsten auch Schatten auf den Kreis Gütersloh warf, Wälder mit saurem Regen zu kämpfen hatten oder die A33 mal wieder in aller Munde war. Womit damals keiner gerechnet hatte: 25 Jahre später hat sich, trotz des damaligen allgegenwärtigen Gelächters der politischen Gegner, der grüne Zeitgeist gesellschaftlich etabliert.

 

Schon zur Gründung des Ortsverbandes zeigte sich das unkonventionelle Vorgehen der Parteifreunde, die von Beginn an visionäre Ideen zur Friedens- und Umweltpolitik ins Gespräch brachten. Die Erfolgsgeschichte des Haller Ortsverbandes begann am warmen Sommerabend des 7. Juli 1981 auf dem Rasen der Gaststätte Pallmeier. Die Gründungsversammlung mit den 30 zumeist jungen Menschen war ein fröhliches Treffen mit Musik und provokanten Sketchen. Viele der Anwesenden kannten sich bereits untereinander, denn ein grüner Kern bestand schon mehrere Monate vor der offiziellen Gründung.

 

>>>Kein Geschacher um Posten<<<

 

Die Konstituierung des ersten Vorstandes mit den urgrünen Mitgliedern Helga und Michael Lange sowie Uwe Dießelberg sorgte für Aufsehen: Das gewohnte Schachern um Posten und Macht blieb aus, die Vorstandsmitglieder sahen sich nur als Mittel zum Zweck. „Wir erledigen die notwendige Vorstandsarbeit, die politische Arbeit wird von der ganzen Gruppe getragen“, äußerte sich Helga Lange damals basisdemokratisch nach der Gründung.

 

Ein wichtiges Ziel, den Einzug in den Haller Stadtrat, schaffte die linke, junge Partei im September 1984 beim ersten Anlauf – mit links. „Wir rechneten mit maximal zwei Ratsmitgliedern“, erinnert sich Helga Lange. Das Wahlergebnis übertraf alle Erwartungen und die Grünen zogen ad hoc mit vier Ratsmitgliedern ein – drei Frauen und ein Mann. Fortan gehörte die grüne Fraktion dem Haller Stadtrat nach jeder Wahl aufs Neue an. Bis heute.

 

Die erste Ratssitzung mit den Grünen am 17.Oktober 1984 sorgte für einen Paukenschlag: Mit ihrem ersten Antrag zum Thema Verkehrspolitik forderte die Partei den Bau einer Umgehungsstraße, um so die A33 überflüssig zu machen und den Tatenhauser Wald zu retten. Das löste äußerst turbulente Debatten aus und brachte der Partei eine knappe Mehrheit für den Antrag ein. Die Grünen erstritten die Etablierung eines Umweltausschusses und übernahmen den Vorsitz.

 

>>>Geschädigte Tanne in den heiligen Hallen der Stadt<<<

 

Die legendäre Ratssitzung wurde standesgemäß eingeleitet: Eine mitgebrachte, vom sauren Regen schwer geschädigte Tanne, sollte an das Thema Waldsterben erinnern. Dieser Aktivismus sorgte vor 25 Jahren in den heiligen Hallen der Stadt noch für Kopfschütteln. „Heute lacht über den Klimawandel niemand mehr, er hat eine neue Dimension erreicht. Der Klimawandel ist für jeden sichtbar und fühlbar geworden“, betont Lange, deren politische Arbeit bis heute der Slogan „Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt“ prägt.

 

Dass die Partei vieles anders machte, als der politische Gegner, war schnell klar: Die Grünen standen gemeinsam mit der „Grünen Alternativen Jugend“ (GAJ) Kriegsdienstverweigerern und Asylbewerbern zur Seite, wehrten sich gegen die Ausgabe von Gutscheinen statt Bargeld an Asylbewerber, organisierten den Boykott der Volkszählung, unterstützten den Widerstand gegen die überflüssige MVA in Gütersloh und die Erweiterung der Mülldeponie in Künsebeck, sie stritten für den Erhalt einer Obstwiese oder für die Kleine Heide, initiierten die Trennung von Abwasser und Niederschlagswasser und legten immer wieder die Finger in kleine und große Umweltsünden.

 

>>>Erfolge: Batteriesammel-Stellen, Mülltrennung, Tempo-30-Zonen<<<

 

Damit rüttelten sie des Öfteren an den althergebrachten Vorstellungen von Politik, schafften, dass die Stadt auf einmal Batteriesammel-Stellen einrichten musste, der Müll schon früh getrennt und der Kompost verwertet wurde, Stadtfeste ohne Plastikgeschirr fortan über die Bühne gingen, dass Kunststoff-Fenster an städtischen Gebäuden auf einmal tabu waren, zahlreiche Wohnbezirke eine Tempo-30-Zone erhielten oder beantragten bereits 1987 die Quotierung aller frei werdenden Stellen in der Verwaltung, sodass die Stadt schon früh einen Frauenförderplan aufstellte. Mehr noch: Das Thema regenerative Energien schreiben sie sich seit 25 Jahren überzeugend auf die Fahnen – die städtische Förderung für Solaranlagen war ein wichtiger Meilenstein des fortwährenden Einsatzes.

 

Und immer wieder prägten öffentliche Aktionen die politische Arbeit der Grünen: Sie besetzten den Hollandskopf in Borgholzhausen, um so gegen den unerträglichen Fluglärm durch Tiefflieger zu protestieren, sie organisierten Mahnwachen und Schweigen gegen den Krieg, riefen Aktionen zum Tschernobyl-Unfall ins Leben, leisteten Aufklärungsarbeit auf Wochenmärkten oder den Haller Umwelttagen und veranstalteten ein öffentliches Lernspektakel „50 PKW / ein Bus“ auf der Kättkenstraße.

 

>>>Freude über das Comeback des Haller Willem<<<

 

Als die Grünen mal wieder für Schlagzeilen sorgten, als sie den „Haller Bahnhof“ kaufen und die Regionalbahn „Haller Willem“ modernisieren und bis Osnabrück reaktivieren wollten, haben die politischen Kontrahenten schon nicht mehr gelacht, so Helmut Rose, langjähriger Sprecher des Ortsverbandes. Die Modernisierung kam zur Expo 2000 und mit dem Vorhaben rollte immer wieder die Prominenz ein: Der damalige Bauminister Dr. Michael Vesper machte sich gemeinsam mit der grünen Bundesvorstandssprecherin Gunda Röstel im Mai 1998 ein Bild von dem Mammut-Verkehrsprojekt, genauso wie Außenminister Joschka Fischer auf einer grünen Wahlkampfveranstaltung am Bahnhof im Mai 2000, der sogar Schaulustige aus den anderen politischen Lagern anzog. Und im Jahr 2005 konnte dann auch die Reaktivierung der Strecke bis Osnabrück gefeiert werden.

 

Nicht alle grünen Initiativen führten zum Erfolg: Regelmäßig luden die Grünen zu Fahrradtouren auf der geplanten Strecke der A33 ein, um die einschneidenden Eingriffe der Autobahn in die Natur zu demonstrieren. Vergebens. Eine Umgebungsstraße gibt es bis heute nicht. „Der Protest gegen die Stadtsanierung und den Abriss des Hackmann’schen Hauses blieb ebenfalls erfolglos – das Haus wurde abgerissen, die Volksbank an der Stelle neu gebaut“, erinnert sich das langjährige Mitglied Wilfried Zäpernick.

 

>>>Bewusstseinswandel im grünen Sinne<<<

 

Und dennoch sind die heute aktiven Mitglieder des Ortsverbandes Halle, zu denen die Gründungsmitglieder Helga und Michael Lange immer noch gehören, überzeugt: Ohne die Partei wäre über die Jahre niemals solch ein Bewusstseinswandel in grünem Sinne entstanden. „Die Umweltpolitik ist durch uns in die Köpfe gekommen“, ist Grünen-Ortsverbandsbeisitzer Dieter Jung überzeugt.

 

Dass sich die Partei dabei schon lange nicht mehr nur auf die Themen Umwelt und Frieden reduzieren lässt, macht sie durch ihre vielschichtige Arbeit im Rat der Stadt deutlich. Die visionäre Denkweise hat sich dabei in den letzten 25 Jahren wie ein roter Faden durch die Parteichronik gezogen – und auch zum Jubiläum sorgen die Grünen wieder einmal für Zukunftsvisionen: Der Ortsverband spendet der noch nicht einmal gegründeten Bürgerstiftung der Stadt einen Geldbetrag. „Wir verzichten auf eine große Geburtstagsfeier und spenden das Geld lieber für die Zukunft der Stadt“, so Ortsverbandssprecher Jochen Stoppenbrink.

Gründungsgesang

Während der Gründungsversammlung des Haller Ortsverbandes auf dem Rasen der Gaststätte Pallmeier am 7. Juli 1981 wurde folgender Song zur Stadtsanierung gesungen - er stand im Zeichen des geplanten Abrisses des Hackmann’schen Hauses.

 

Stadtsanierung

In unserm schönen Städtchen, 
da gibt es einen Trupp
was alt ist und im Wege steht, 
verwandelt er in Schutt.

Heidi, heido, heidalla, 

wie schön wird diese Stadt!
Dicke fette Raupenschlepper 
walzen alles platt!

Sie reißen alte Häuser ein
planieren alles glatt
pflanzen 14 Tulpen an
saniert ist unsere Stadt.

Die dummen alten Bäume
die stehn im Wege herum
und überhaupt, wie sehn die aus?
so krank, verfault und krumm.

Ich hatte einen Garten
mit Blumen und Spinat
jetzt steht `ne neue Sparkas` drauf
son Wahnsinnsapparat!

Die alte Bauernkate
das schiefe Fachwerkhaus
morgen kommt der Bagger
und macht `nen Parkplatz draus.

Wer einen großen Bagger hat
und etwas Dynamit
im Rathaus eine Lobby hat
der sprengt und macht Profit.

Wir haben auch ein Wasserschloss
das liegt in stiller Ruh,
da kommt die neue Autobahn,
sie schütten den Schlossteich zu.

Ab heute kommt ein grüner Trupp,
der hat die Raupen satt,
der gründet einen Ortsverband,
dass Halle Zukunft hat!